Die Corona-Krise ist leider nicht die einzige Krise. Viele Menschen an der griechischen Grenze und in Geflüchteten-Lagern bedürfen ebenfalls unserer Solidarität. Eva, eine Teilnehmerin unseres Willkommenstreffs, hat sich das zu Herzen genommen und war vor einigen Wochen in Griechenland, um zu helfen. Einen Bericht über ihre Erfahrungen findet ihr auf dieser Seite.

Vera hat Eva außerdem in einem Videochat interviewt:

“Vor circa 3 Wochen hat der türkische Präsident Erdogan angekündigt, die türkische Grenze nach Europa sei geöffnet. Daraufhin strömten ungefähr 20000 Menschen nach Edirne, an den Grenzübergang Pazarkule. Viele von ihnen freiwillig, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa. Sie verkauften ihr gesamtes Hab und Gut, gaben Wohnung und Arbeitsstelle auf, besonders die syrischen Geflüchteten. Einige wurden gezwungenermaßen dorthin gebracht, besonders Menschen, die bis dahin in Camps lebten, oftmals afghanische und iranische Geflüchtete ohne legalen Aufenthaltstitel in der Türkei. Alle strandeten sie dort, in Pazarkule. Denn Europa reagierte mit rigidem Grenzabriegeln, mit Tränengas und Gewalt.

Da ich dem Ganzen nicht länger machtlos zusehen wollte, bin ich gemeinsam mit zwei anderen Aktivist*innen an die Grenze gereist. Als wir ankamen, war das Grenzgebiet längst militärische Sperrzone, wir durften nicht bis zu den Menschen gelangen. Aber im nahegelegenen Dorf konnten täglich 200-250 Geflüchtete einkaufen. Sie sind mit Fingerabdruck registriert und können alle paar Tage das Gebiet verlassen, nachdem sie sich ab 4 Uhr morgens angestellt haben. Dort konnten wir dann mit ihnen reden, ihre Geschichten und Bedürfnisse erfahren. Geschichten von europäischer Grenzgewalt: Alle Menschen erzählten, wie sie nach dem Grenzübertritt nach Griechenland dort vom Militär und Polizei aufgegriffen wurden, geschlagen und verletzt wurden. Wie ihnen Wertsachen, Geld und Dokumente abgenommen wurden, teilweise auch Kleidung und Schuhe. Und wie sie dann irgendwo im Grenzgebiet ausgesetzt wurden, illegalerweise zurückgebracht in die Türkei ohne einen Asylantrag in Griechenland stellen zu können. Ich habe Notrufe von Menschen erhalten, die auf ein Feld 25 km außerhalb der türkischen Stadt Edirne gebracht wurden, nachdem sie Griechenland betreten haben. Eine Gruppe von Männern und Frauen mit einem zwei Monate altem Baby und vier Kleinkindern, eines davon mit hohem Fieber. Ohne Geld, ohne Schuhe standen sie dort im Feld. Ein Handy hatten sie verstecken können, alle anderen waren abgenommen worden. Wir sind hingefahren und konnten ihnen zumindest Socken und Schuhe, Essen und Wasser sowie Medikamente bringen. Später organisierten wir, dass sie zurück an den Grenzübergang gebracht wurden.

Doch auch dort herrscht Elend. Die offiziellen NGOs, die dort zugelassen werden, verteilen gerade so viel Essen, dass man nicht verhungert. Die letzten Tage bestand ein Essenspaket aus einem Sandwich, einer Flasche Wasser, einem Päckchen Saft und einem Keks – für einen Tag. Wir haben dort neben Essen insbesondere auch Medikamente verteilt, da alle krank sind. Kein Wunder, wenn man tagelang draußen ausharrt, in Kälte und Regen mit selbstgebauten Zelten und ohne Duschmöglichkeiten. Auch verteilten wir Decken, Planen und Seile.

Die Menschen dort klammern sich an die Hoffnung, dass in Europa Menschenrechte gelten, dass sie es nur lange genug aushalten müssen. Dabei werden sie täglich von Griechenland mit Tränengas beschossen. Tränengas, dass wie wir erfahren haben, sogar abgelaufen und damit giftig ist. 

Mittlerweile sind viele zurückgekehrt, in großen weißen Bussen werden sie von der Grenze nach Istanbul gefahren. Dort landen sie an den Busbahnhöfen, wiederrum auf sich allein gestellt. In der Türkei dürfen Geflüchtete nur mit einer Ausweisnummer Hilfe von NGOs bekommen, den meisten Menschen aber wurden ihre Ausweise und Papiere in Griechenland abgenommen. Lokale Freiwillige, die wir unterstützen, helfen dort weiterhin und versorgen die Menschen mit Essen und dem Allernötigsten. Außerdem organisieren sie, so gut es geht Bustickets, damit die Menschen in die anderen Städte in der Türkei, wo sie zuvor gelebt haben, zurückkehren können. Aber viele Menschen haben einfach keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren können.

Insgesamt macht es mich fassungslos, was sich an den europäischen Grenzen abspielt. Ich habe das Versagen Europas mit eigenen Augen gesehen und ich werde nicht schweigen, sondern so lange kämpfen, bis diese Menschen in Sicherheit sind.

Auf den ägäischen Inseln in Griechenland ist die Situation mindestens genauso dramatisch. Corona kommt da nur als zusätzliche Bedrohung hinzu, schon vorher waren die Zustände an den europäischen Grenzen menschenunwürdig und rechtswidrig. Das angesichts der globalen Gesundheitskrise sogar Hilfe reduziert wird, dass Freiwillige abreisen müssen und dass die humanitäre Aufnahme und das europaweite Resettlement komplett ausgesetzt wird, verschärft eine sowieso schon drastische Situation. Auch wenn ich wenig Hoffnung habe, dass sich ein Europa, welches auf schutzlose Menschen schießt und das Asylrecht außer Kraft setzt, doch noch solidarisch und humanitär zeigt, so fordere ich eine sofortige Evakuierung der Lager. Die Menschen in Griechenland und in der Türkei an der Grenze müssen sofort in sichere Unterkünfte gebracht werden wo ihre fundamentalen Rechte auf Nahrung, Gesundheit und Schutz gewährleistet werden.

Es ist schwer, meine Erfahrungen und Erlebnisse in Worte zu fassen, auf unserem Blog unter https://www.josoor.net/ kann man tägliche Updates über die Situation vor Ort sowie unsere aktuelle Hilfe lesen. Auch gibt es dort die Möglichkeit zu spenden und Ideen, um politisch aktiv zu werden und sich für Geflüchtete an den europäischen Grenzen einzusetzen.”

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Über den Autorn

Vera Seeck

Vera Seeck ist Mitarbeiterin in der Diözesanstelle des BDKJ Osnabrück. Weitere Informationen zu Vera Seeck finden sich hier. Ihre Beiträge können hier aufgerufen werden.