“Unten ist eine Frau mit ihrem zweijährigen Sohn. Sie hat keine Wohnung mehr.” Mein Mitarbeiter steht in der Tür und sieht mich an. Wir finden raus was passiert ist: Ihr Mann hat sich getrennt und sie und ihr Sohn reisen seit 4 Tagen von einem Freund zur nächsten Unterkunft und sind sehr viel unterweg. Der Kleine wirkt neugierig und fröhlich, etwas aufgeregt, die Mutter ist sehr höflich und sichtlich erschöpft. Sie weiß nicht wohin, die Sprachkenntnisse reichen noch nicht um die Situation in Gänze zu erklären. Klar ist aber, dass Beide nicht zurückkönnen.

Ich fange an zu telefonieren, zuerst die Frauenhäuser, alles ist belegt – auch im Nordkreis. Es ist Donnerstagvormittag, in fast allen Einrichtungen finden gerade Dienstbesprechung statt, ich solle mich später nochmal melden. Nach den ersten Rückmeldungen merke ich, dass es keine einfache Lösung gibt. Sie ist anerkannter Flüchtling. Aber in den Unterkünften ist nichts frei. Bei Obdachlosigkeit ist es egal woher man kommt. Sie kann in eine Unterkunft für Frauen, dass Kind müsse dann aber bei einer Pflegefamilie über das Jugendamt fremduntergebracht werden. Das empfinde ich als worst-case-Szenario: erst verlassen und damit obdachlos, dann noch getrennt werden. Meine Tochter ist vier Jahre. Ich ertrage den Gedanken nicht.

In diesem Moment bin ich sehr glücklich, dass ich für die Kirche arbeite. Wir haben eine Lösung für sieben Tage gefunden, ein engagierter Mitarbeiter der Stadt hatte uns versichert, dann sei ein Zimmer für die Frau und das Kind in einer Flüchtlingsunterkunft frei. Meine Kolleg*innen kümmern sich in dieser Zeit noch um die Frau, sorgen für die nötigsten Dinge.

Bei mir bleibt, auch wenn wir hier helfen konnten, eine Mischung aus Entsetzen und Hilflosigkeit zurück. Und Wut. Und Fragen. Warum kann sich der Mann so sehr seiner Verantwortung entziehen? Wie schwer ist es, wenn man seine sozialen Netzwerke aufgeben muss und weder Familie noch Freunde vor Ort leben? Wie schnell kann der Alltag unter den Händen zerbröseln? Was ist in solchen Fällen eigentlich mit Kinderrechten?

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Über den Autorn

Magdalena Menke

Magdalena Menke ist Mitarbeiterin in der Diözesanstelle des BDKJ Osnabrück. Weitere Informationen zu Magdalena Menke finden sich hier. Ihre Beiträge können hier aufgerufen werden.